Petra Tursky-Hartmann

Hanna Hartmann

Himmel über Schlesien

Eine Reisereportage von Petra Tursky-Hartmann - Bildbearbeitung Saskia Wiese

 

"Du fährst nach Polen? In den Urlaub???" "Hm, ja … meine Oma ist doch vor einem Jahr gestorben, … und da dachte ich, also wollte ich, ähm ja, mal nachschauen, wo sie geboren ist …" Es klang nicht wirklich überzeugt, mehr defensiv, wenn ich in den vergangenen Monaten Freunden von meinen Ferienplänen erzählt hatte. Darf man heute wieder "Schlesien" sagen? Oder katapultiert man sich mit dem Wort nicht unweigerlich in eine Ecke, in der man sich niemals verorten würde? Klingt vielleicht seltsam, aber ich hatte diesen Sommer mit meiner Reise auch "etwas zu erledigen". Was sich beim besten Willen nicht mehr aufschieben ließ.

Alles hatte im Mai 2012 mit der Gestaltung der Traueranzeige meiner verstorbenen Großmutter begonnen. Nun ja, eine Todesanzeige ist nicht wirklich der Anfang, sondern im Prinzip eher das Ende einer Reise. Aber da sie auf eine protestantisch geprägte Ordnung in ihrem Leben – ein Leben, das die Zeitläufte des Zweiten Weltkriegs kreuz und quer durch Deutschland geführt hatte – bestanden hatte, fühlte ich mich irgendwie verpflichtet, eine ihrem Leben würdig formulierte Anzeige zu schalten. Mit dem Nachsatz, dass wir sie gerne auf ihrem letzten Weg begleitet hätten. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit einer Mischung aus "Chronistenpflicht" oder "Ablenkung durch Beschäftigung" wollte ich die aufkeimende Trauer eingrenzen und hoffte, mit diesem "Verwaltungsakt" meinen familiären Verpflichtungen in gebotenem Maße nachgekommen zu sein. Dachte ich.

"1919", erinnerte sich Onkel Werner, "die Wally ist 1919 in Weißstein geboren, noch vor dem Umzug nach Bad Salzbrunn", als wir wegen der Umstände ihrer Beerdigung telefonierten. Er ist der jüngste Bruder meiner Oma und eigentlich der Onkel meines Vaters. Aber da er nur unwesentlich älter als mein Vater ist, wurde er immer als "der Onkel" bezeichnet. Er war in Bad Salzbrunn geboren. "Am selben Ort wie Gerhart Hauptmann", ergänzte er nicht ohne Stolz. Und setzte voraus, dass ich natürlich weiß, wo der deutsche Dramatiker und Schriftsteller, der 1912 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, gelebt hat. Als sechstes von sieben Kindern ist der Onkel 1934 in der Bahnhofsstraße 8, direkt neben der Post, im Hinterhaus im Garten geboren worden. Hinter der wunderschönen Backsteinvilla, wo "der Vater in der schlechten Zeit bis zu sechzig Kaninchen" aufgezogen hatte. Und das Schicksal der flauschigen Langohren sonntags als Braten zu Rotkraut mit Knödeln besiegelt wurde.

Das war damals eine willkommene Ergänzung der trotz "Hamsterfahrten" immer karger werdenden Tafel der Großfamilie gegen Ende der Dreißigerjahre. Denn "das Geld reichte hinten und vorne nicht", bedauerte er in seinen Erinnerungen, obwohl mein Urgroßvater als Bergmann nahezu ausschließlich Nachtschichten auf "Louise Charlotte" für die "Consolidirte Fuchsgruppe" in Waldenburg schob. Als Kind hatte ich mächtig Respekt vor dem alten, hochgewachsenen, aber insgesamt bedächtig wirkenden Mann gehabt. Alle in der Familie waren irgendwie stolz auf ihn. Wer mehr als dreißig Jahre seines Lebens unter Tage unbeschadet überstanden hat, hat eben auch ein bisschen Glück gehabt. Mit "Glück auf" hat übrigens mein späterer Chef Franz Müntefering gegrüßt. Das Glück, das er meinte, kannte ich.

Wałbrzych (das ehemalige Waldenburg) liegt etwa fünfundsechzig Kilometer südwestlich von Breslau (Wrocław) und war bis in die Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts das Zentrum des niederschlesischen Steinkohlereviers. Meine Großmutter hatte immer, wenn zum Beispiel Geburtstage anstanden, über die Anreise der weitverstreuten "Mischpoke" ausschweifend lamentiert. Und sich trotzdem riesig gefreut. Aber Weißstein bzw. Biały Kamień, wie der Ort heute heißt, sollte wo um Himmels willen liegen? "Weißstein ist ein Stadtteil der Großstadt Wałbrzych in der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen", erklärte mir Google. Und Wikipedia ergänzte: "Die deutsche Bevölkerung wurde, soweit sie nicht schon vorher geflüchtet war, zum größten Teil vertrieben. Die neuen Bewohner waren zum Teil Heimatvertriebene aus Ostpolen."

 

Vertrieben. Ein hässliches Wort, das mich unwillkürlich zusammenzucken ließ. Weil es so penetrant nach "Frau Steinbach von der CDU" klingt. Eine Frau, für deren Auftritte ich mich als Deutsche leider immer wieder fremdschämen muss. Vergiss es, dachte ich und schloss den Browser. Bei aller Liebe für die Oma, hier ist Schicht im Schacht. Mit so einem reaktionären Zeug wollte ich nichts zu schaffen haben. Wobei meine Oma das Wort "vertrieben" meiner Erinnerung nach gar nicht verwendet hatte. Es existierte einfach nicht in ihrem Sprachschatz, zumindest nicht gegenüber uns Enkeln oder ihren Urenkeln. Das Gleiche gilt rückblickend für meinen Stiefgroßvater Theo, der als Kriegsversehrter mit einem Holzbein aus Stalingrad zurückgekehrt war. Er hatte sich in der noch jungen Bundesrepublik für den VdK engagiert. Und für die Sozialdemokratie. In Rheinland-Pfalz, wo damals traditionell CDU gewählt wurde. Beide verehrten Willy Brandt und "den Onkel". Womit sie damit nicht den kleinen Bruder meiner Oma, sondern Herbert Wehner meinten. Der damalige Bundeskanzler mit seinem Kniefall in Warschau war die Ikone in unserem provinziellen Familienkosmos. Und rangierte noch weit vor der umfangreichen Sammeltassensammlung und den handgeschnitzten Engelsfiguren aus dem Erzgebirge, die meiner Oma in der Glasvitrine ihres Wohnzimmerschranks absolut heilig waren.

 

Nachdenklich hatte ich damals den Computer ausgeschaltet und versucht, die Vergangenheit aus meinem Kopf zu vertreiben. Dann rief der Onkel wieder an. Und bedankte sich überschwänglich für die hübsche Todesanzeige. "Die hätte der Wally gut gefallen", äußerte er im Brustton der Überzeugung. Und ergänzte dann ungefragt: "Ohne deine Oma wären wir damals nicht in den Zug gekommen." Damals. Damals, das war diese Geschichte vom Februar 1945, die meine Oma beiläufig erzählt hatte, als sie einen ausgesetzten Spitz von der Straße mit nach Hause brachte und ihn "Lumpi" taufte. Natürlich mussten für "Lumpi" umgehend ein Halsband und eine Leine gekauft werden. Und dann sagte sie so en passant, damals, auf dem Bahnsteig in Prag, habe sie meinen Vater aus Angst, dass sie ihn zwischen Tausenden von Flüchtlingen und permanenten Bombenangriffen verliert, auch angeleint. Ich murmelte ein "das mit dem Zug hat die Oma mal erzählt" in die Muschel. Von dem Moment an war ich mit dem Verdrängen der Geschichte so erfolgreich wie mit dem Ignorieren von Zahnschmerzen. Oder dem Abstreiten von Wehen. Um es kurz zu machen, es war ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. "Es ist so schön dort", hatte der Onkel zum Abschied am Telefon geschwärmt. "Fahr doch mal hin, das hätt‘ die Wally sicher gefreut!"

 

"Du hast da absolut nix verloren", sagte mein Kopf. "Wir könnten doch mal unverbindlich bei Google Street View gucken, wie es dort aussieht", argumentierte eine innere Stimme dagegen. Der amerikanische Technologieriese hatte richtig gute Vorarbeit geleistet, indem er 2012 weite Teile Polens virtuell fürs Internet annektiert, also abfotografiert hat. Mit gemischten Gefühlen brach ich an einem Ostersamstag im April 2013 zur ersten digitalen Erkundungsfahrt in die Heimat meiner Oma auf.

"Der Vater ist ja immer mit der Straßenbahn zur Arbeit gefahren. Und der Walter hat im ‚Schlesischen Hof‘ als Koch gearbeitet. Dann hat Generalfeldmarschall Schörner das Grandhotel zu seinem Hauptquartier gemacht", hatte sich der Onkel erinnert. Walter war das älteste der sieben Kinder meines Urgroßvaters. Bernhard, sein Zweitgeborener, war Oberfeldwebel der Wehrmacht und mit seiner Kavallerieeinheit in Fürstenwalde bei Berlin stationiert. "Weit weg vom Vater", hatte sich der Onkel zögerlich erinnert. Denn der alte Herr hatte die Angewohnheit, seine belegten Brote in der Nachtschicht unter Tage mit russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zu teilen. Bis er wegen "Wehrkraftzersetzung" beim Ortsgruppenleiter von Bad Salzbrunn angeschwärzt wurde. Mit seinem ehrlosen Verhalten "gegen Führer, Pflicht und Vaterland" gefährde er die Karriere seines Sohnes. Und haben ihn mit Lebensmittelkürzungen und Gefängnis bedroht. Tja, der eine verpflegt die Russen, der andere erschießt sie, dachte ich seltsam berührt. Den Konflikt zwischen Vater und Sohn hat übrigens nicht ein Parteibonze der Nazis entschieden, sondern ein Soldat der Roten Armee. Mit einem glatten Lungendurchschuss.

 

Ende April 2013 war klar, dass ich zu einem unaufschiebbaren OP-Termin ins Krankenhaus "einrücken" müsste. Um mich abzulenken, surfte ich mal wieder ziellos durch Schlesien. Irgendwo dazwischen war damals die Werbeanzeige mit dem "Europa Sommer Special" der Deutschen Bahn geschaltet. Wrocław (das frühere Breslau) – eine Stadt, von der meine Oma immer wieder mit glänzenden Augen geschwärmt hatte, stand auf der Liste der vergünstigten Zielorte. 49 Euro für die Fahrt von Frankfurt nach Breslau in der 1. Klasse. Bisschen dekadent, dachte ich. Meine Oma hatte es im Februar 1945 bei minus zwanzig Grad in den Zügen der Deutschen Reichsbahn sicher weniger komfortabel gehabt. Dass die Reise wegen unterspülter Gleise in Sachsen-Anhalt noch kurzfristig über Dresden umgebucht werden musste, nahm ich völlig gelassen hin. Seit 1945 war so viel Zeit vergangen, da kam es jetzt auf ein oder zwei oder drei Stunden Verspätung auch nicht mehr an.

Breslau ist übrigens gefühlt viel weiter von Frankfurt entfernt als es de facto der Fall ist. War zumindest mein erster spontaner Gedanke, als mich der völlig überfüllte Regionalexpress, der täglich zwischen Dresden und "Wrocław Glowny" pendelt, mit polnischen Großfamilien, einem tobenden Kleinkind inklusive dazugehörigem Buggy plus unzähliger Persil- und Pamperskartons auf dem Bahnsteig ausspuckte. Es dauerte keine zwanzig Meter die Piłsudski (ehemals Gartenstraße) hinauf, und ich fühlte mich angekommen. Breslau würde ich atmosphärisch irgendwo zwischen Berlin und Wien verorten. Also fünf Sterne auf meiner inneren, sympathisch bis morbiden Beliebtheitsskala.

 

Wobei ich nicht annähernd drei Sterne – die es de facto hat – an das "Hotel Polonia" vergeben würde. Damit meine ich nicht, dass das ehemalige "Vier Jahreszeiten" in der Piłsudzkiego 66 schon mächtig in die Jahre gekommen ist. Was nicht nur am ächzenden Eisenaufzug ohne Türen lag. Nein, auch für die ehemals rot-goldene Samttapete im engen, dafür aber umso höheren Flur könnte ich mich sicher noch begeistern. Der Patina-Look ließ zumindest erahnen, wie es um das ehemalige Grandhotel früher bestellt gewesen sein muss. Damals, als der elitäre, am englischen Stil ausgerichtete "Schlesische Klub" während der Weimarer Republik im ersten Stock residierte. Was ich jedoch seit meiner Flugbegleiterzeit partout nicht leiden kann, sind zerschlissene Orientteppiche, die kreuz und quer über den Stufen der einzig brauchbaren Fluchttreppe in der Nähe meines Zimmers im dritten Stock lagen. Oder der Hinterhof, der so verwinkelt gebaut ist, dass da absehbar keine Feuerwehr der Welt mit einer entsprechend langen Drehleiter hineinkommt. Im Innenhof sind übrigens bis heute die Folgen des Generalumbaus zu besichtigen, die ein gewisser Otto Schenderlein dem Haus im Geiste seines Führers mit vereinfachenden Formen hat angedeihen lassen. Da Hitler ein eklektisches Verhältnis zum Barock hatte, musste der wunderschöne Stuck der Jahrhundertwende nach 1939 einer sichtlich verkrampften Monumentalität weichen.

Die polnische Stadt an der Oder hat sich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht, 2016 als Europäische Kulturhauptstadt zu repräsentieren. Allein die beeindruckenden Bürgerhäuser am Marktplatz, dem "Rynek", die wiederauferstandene Oper oder die famose Aula der Leopoldina Universität sind für sich eine Reise in die viertgrößte Stadt Polens wert. Als das spätgotische Rathaus, Wahrzeichen und politischer Mittelpunkt der Woiwodschaft Niederschlesien, in der Abendsonne strahlt und funkelt, fühle ich mich an Frankfurt erinnert. An den Römer und den Römerberg. Beide Städte haben ja gemeinsam, wichtige mittelalterliche Handelsplätze gewesen zu sein. Das Pendant zu unserem "Ratskeller" ist der legendäre "Piwnica Świdnicka" (Schweidnitzer Keller), mit über 700 Jahren übrigens Polens älteste Bierschenke. Und der "Rynek" ist vergleichbar unserer "Gudd Stubb", allerdings ist er nicht ganz so kuschelig.

Als Frau Bebel bei unserer Stadtführung am nächsten Tag einräumt, dass die Fassaden der Bürgerhäuser an der Südseite des Marktplatzes "pseudohistorisch" nachgebaut wurden, umspielt meine Mundwinkel ein wissendes Lächeln. Frankfurter kennen die Probleme rekonstruierter Häuser wie zum Beispiel des "Großen Engel" in der Ostzeile auf dem Römerberg. Schade, dass Breslau mit Wiesbaden eine Städtepartnerschaft eingegangen ist. Nichts gegen unsere hessische Landeshauptstadt, möge den Nassauern am Rhein ein langes Leben vergönnt sein. Aber im Schweidnitzer Keller ließe sich mit Piroggi und polnischem Bier, Grüner Soße und Äppler sicher auch eine formidable Main-Oder-Freundschaft besiegeln.

 

Was Breslau allerdings gravierend von Frankfurt unterscheidet, sind die Zwerge. Die kleinen Gnome aus Bronze sind ein Überbleibsel der "Alternative in Orange", die sich in den Achtzigerjahren an der Solidarność-Bewegung beteiligt hatte. Getreu dem Motto "Zwerge aller Länder vereinigt euch" tauchten die Trolle immer irgendwo im Stadtbild auf. "Uwaga Krasnale!" (Achtung, Zwerge!) hatte unter anderem zum Ziel, den kommunistischen Pomp lächerlich zu machen. Heute haben die sympathischen Figuren der ehemaligen Untergrundbewegung einen eigenen Stadtplan und unter www.krasnale.pl auch eine eigene Homepage.

Einem weiteren Symbol für den Umbruch vom Kommunismus zur Demokratie laufe ich an der Jozefa Pilsudskiego in der Nähe meines Hotels unvermittelt über den Weg. Dort verschwinden auf der einen Straßenseite in Bronze gegossene Figuren im Untergrund und kehren auf der gegenüberliegenden Seite wieder ins pulsierende Leben an die Oberfläche zurück. Die Installation von Jerzy Kalina "Przejście 1977–2005" (Übergang) soll an die Zeit erinnern, als sich politisch engagierte Bürgerinnen und Bürger vor der Staatssicherheit untertauchen mussten.

"Breslau hat eine sehr bewegte Geschichte", eröffnet Frau Bebel unsere dreistündige Stadtführung vor dem Denkmal von Aleksander Graf Fredo, "dem polnischen Molière". Wir, das sind acht Deutsche. Beim Blick in die Runde beschleicht mich das Gefühl, dass ich den Altersschnitt der Fußgruppe nachhaltig senke. Wobei Breslau mit über 140.000 Studierenden bei 630.000 Einwohnern eine ausgesprochen junge Großstadt ist. Frau Bebel interessiert, woher wir kommen. "Görlitz." "Dresden." "Magdeburg." Ich bin als Letzte dran. "Frankfurt." "Am Main", schiebe ich zögerlich nach und ernte prompt erstaunte Blicke.

 

Über den Rathausvorplatz mit seinem Pranger nur für Männer, am Naschmarkt und den Häusern von Hänsel und Gretel vorbei, pilgern wir durch die Altstadt Richtung Tumski-Brücke und Dominsel. Im Schatten der St.-Elisabeth-Kirche passieren wir das "Denkmal zu Ehren von Schlachttieren". Trotz des Verbots haben hier im Viertel die Metzger im 13. Jahrhundert ihre Schlachtereien über den Wohnungen errichtet. Frau Bebel umschreibt die Zustände pittoresk mit Begriffen, die ich mit "zivilem Ungehorsam" assoziiere. Irgendwie werden mir diese Polen zunehmend sympathischer.

 

Auf den Steinstufen in die weltberühmte Aula der Leopoldina hinauf erzähle ich ihr, dass mein Urgroßvater von 1918 bis 1945 in den Waldenburger Kohlezechen gearbeitet habe. Und ich das erste Mal zum Geburtsort meiner verstorbenen Oma reise. "Entschuldigen Sie", unterbricht uns die Frau aus Dresden mit klassisch-sächsischem Akzent, "ich suche diese Straße. Leider ist hier alles auf Polnisch", und wedelt mit einem Stück Papier ungehalten in der Luft herum. Das Lächeln unserer Führerin bleibt freundlich entwaffnend. "Ja", nickt sie verständnisvoll, sie kenne das. "Wir hatten hier nach dem Ende des Kommunismus auch Umbenennungen." Galant die Klippe umschifft, denke ich amüsiert. Und seufze vernehmbar, weil es offensichtlich immer noch Menschen gibt, deren Leben irgendwo zwischen 1933 bis 1945 stehengeblieben ist. Es ist doch gefühlt ein eher deutsches Problem, dass die Straßen in Breslau heute andere Namen haben, finde ich. Und dass das so ist, ist doch nicht die Schuld der Polen, oder? Denn die haben doch bloß das Schlachthaus, das die Deutschen hinter Oder und Neiße hinterlassen haben, wieder aufgeräumt.

Mit der Straßenbahn geht es am Nachmittag über die "Ślężna" Richtung Süd-Osten zum Alten Jüdischen Friedhof. Ich will Ferdinand Lassalle einen Besuch abstatten. Immerhin hat er vor 150 Jahren den "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" gegründet, aus dem dann meine Partei hervorgegangen ist. Und da die SPD dieses Jahr ihren runden Geburtstag zum Anlass nimmt, die ganze Geschichte zu feiern, habe ich beschlossen, ihm ein Steinchen auf die schwarze Grabplatte zu legen. Auch als Dank für seinen Mut, für alle Deutschen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu fordern. Was wäre wohl aus der Sozialdemokratie geworden, grübele ich auf dem frisch geharkten Kiesweg, wenn er das Duell um Helene von Dönniges gewonnen hätte?

 

Ein Vogel zwitschert leise im üppigen Grün des Friedhofs. Zwischen überwucherten Grabsteinen und einfachen Stelen, die sich mit von steinernen Rosen umrankten Sarkophagen und prunkvollsten Grabbauten abwechseln, gaukelt ein weißer Schmetterling planlos hin und her. Ich folge dem Falter, der über Grabsteine von Schriftstellern, Bankinhabern, Unternehmern, hochrangigen Beamten und Gefallenen des Ersten Weltkriegs ziellos umherflattert. Galt der Schmetterling in der Antike nicht als Sinnbild für Wiedergeburt und Unsterblichkeit? Zwischen hebräischen und deutschen Inschriften fühle ich mich plötzlich wie ein Wanderer zwischen den Welten.

"Eine Rose gebrochen – ehe der Sturm sie entblättert", die im Jugendstil gehaltene Grabinschrift erinnert an eine Frau, die nur dreiundzwanzig Jahre alt wurde. Verschnörkelte Grabsäulen im Schatten riesiger Buchen und Kastanien wechseln sich mit einfachen Mazzewas ab. Einzelne, gebrochene Bäume aus Stein stehen sinnbildlich für einen frühen und offensichtlich tragischen Tod. „"n der Jugend schönste Hoffnungen erweckend, wurde er später zum Schmerze der Seinen. Von einem Traumleben umfangen, dass ein sanfter Tod endete", beschreibt einfühlsam in goldenen Lettern auf schwarzem Granit das Leben eines Mannes, von dem sich seine Familie bereits 1920 verabschiedet hat. Inschrift um Inschrift lese ich mich durch die Vergangenheit. Ein Friedhof als in Stein gemeißeltes Poesiealbum. Nur eben nicht mit Wünschen für die Zukunft, sondern mit der Erinnerung gelebter Leben. 1850, 1900, 1939. Immer wieder 1939. Jahreszahlen wie im Klassenbuch. Dann haben die Deutschen das Heft zugeklappt. Es gibt keine Nachgeborenen mehr. Der Holocaust hat auch das Schicksal des Pantheons der Breslauer Juden besiegelt. Ein weißer Schmetterling flattert um herabgefallene Grabsteinplatten an der meterhohen Umfriedung des Alten Jüdischen Friedhofs und entschwindet im Gegenlicht. Ich blinzele in die untergehende Abendsonne und habe einen dicken Kloß im Hals.

Am nächsten Tag hat der Regionalexpress nach Wałbrzych (Waldenburg) Verspätung. Da ich nicht zur Arbeit muss, nehme ich die Dinge gelassen hin. Ist eh nicht zu ändern, denke ich. Das putzige Abteil in der zweiten Klasse hat den Charakter einer Puppenstube und erinnert mich an meine Schulzeit, als ich jeden Morgen mit dem Zug in die nächste Kreisstadt zum Unterricht fuhr. Tiefe Polstersitze auf dicken Sprungfedern – darauf ließ sich als Kind schon prima hüpfen –, taubenblaue Synthetikvorhänge und zwei karamellfarbene Resopalbrettchen am Fenster. Fürs Frühstück. Das Fenster klemmt ausnahmsweise nicht, und ich genieße den warmen Fahrtwind im Gesicht. Willkommen zur Reise in die Vergangenheit.

Bei Jaworzyna Śląska (Königszelt) passiert die Diesellok pfeifend das hiesige Lokomotivmuseum (www.muzeumtechniki.pl). Rund einhundertzwanzig Dampfloks und Waggons, in denen eine Ausstellung die Rolle der Reichsbahn für das Schicksal der Vertriebenen dokumentiert, sind direkt neben unserem Gleis geparkt. Das Museum hat im vergangenen Jahr übrigens übers Internet ein Patenschaftsprogramm gestartet, um die majestätischen Stahlrösser aus ihrem Dornröschenschlaf aufzuwecken. Ich betrachte die übermächtigen schwarzen Riesen nicht nur mit Respekt. Sondern auch mit unterschwelliger Ambivalenz, die sicher meine Oma wie auch meine Mutter aufgrund ihrer Erfahrungen mit Bahnfahrten im Krieg unter Bombenangriffen auf mich übertragen haben.

 

Seit 1853 verbindet der Eisenbahnanschluss Wałbrzych, das zwischen Riesen- und Eulengebirge im Waldenburger Bergland liegt, mit Breslau. Ab 1898 hat dann die Waldenburger Kreisbahn die schlesische Kreisstadt mit den umliegenden Steinkohlezechen, Spinnereien und Porzellanfabriken verbunden. Die Straßenbahn brachte meinen Urgroßvater sechs Tage die Woche zur Arbeit in die Stollen. In den Sechzigerjahren hat man den Bahnbetrieb eingestellt, 1996 dann die Zechen geschlossen. Und dreißig Prozent der 130.000 Einwohner in die Arbeitslosigkeit entlassen. Ein nicht mal bei Google verzeichnetes Denkmal aus weißen Stelen an der "Aleja Wyzwolenia" entbietet seit 2007 den "Söhnen der Waldenburger Erde" für vierhundert Jahre Industriegeschichte einen letzten Gruß.

So schnell will Frau Buniewicz im Waldenburger Tourismusbüro dann doch nicht aufgeben. Fast eine halbe Stunde sucht sie im Internet für mich in historischen Dokumenten nach der Zeche, wo mein Urgroßvater gearbeitet hat. Wir verständigen uns in Englisch, das klappt bestens. Das Foto meiner Urgroßeltern, das anlässlich der Goldenen Hochzeit im August 1963 in der Bad Kreuznacher "Allgemeinen Zeitung" mit Glückwünschen von örtlichen Honoratioren veröffentlicht worden war, hat ihr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

 

Okay, ich komme spät, gestehe ich der jungen Frau. Vielleicht zu spät, da die Zechen mittlerweile alle dichtgemacht wurden. Doch Zeit ist im Tourismusbüro von Waldenburg im Haus "Biblioteka" am mit roten Geranien gesäumten und frisch gefegten Marktplatz ein sehr relativer Begriff. Der Onkel hatte sich vage erinnert, dass der Vater bis zur Einberufung in den Volkssturm "auf Louise" gearbeitet habe. Die Russen haben ihn als Zwangsarbeiter in den Uranbergbau ins Erzgebirge geschickt. Als sich 1948 die Geschichte mit den Butterbroten herumsprach, konnte er nach Hause gehen. Wobei "nach Hause" damals relativ war, denn seine Frau mit ihren Töchtern und Enkeln war auf der Flucht bereits in Fürth gestrandet.

Wir finden in der Waldenburger Flözkarte von 1905 eine Grube mit dem Namen "Louise Charlotte", die zur "Consolidirte Fuchsgrube" zählte. In einer späteren Karte ist der Name "Louise" getilgt. Ich erinnere mich, dass die jüngere Schwester meiner Oma "Lotte" gerufen wurde, aber eigentlich Charlotte hieß. Ist das die Verbindung? Oder hat der Onkel den "Lisia sztolnia" gemeint? Ich bin verunsichert. Doch Frau Buniewicz motiviert mich, nicht aufzugeben. Sie mailt mir zum Abschied die Links zu den Karten der stillgelegten Bergwerkschächte auf mein Handy und wünscht mir bei meiner Reise in die Vergangenheit viel Glück.

Ich will in der Bibliothek des "Muzeum Przemysłu i Techniki" (Museum für Industrie und Technik), das die fünfhundertjährige Geschichte des Bergbaus im Sudetenland beherbergt, weitersuchen. Weit über Waldenburg hinaus flimmern die beiden charakteristischen Fördertürme "Julia" und "Sobótka", die Teil des Museums sind, in der Sonne vor grau vorbeiziehenden Kumuluswolken am Horizont. Ich schöpfe neue Hoffnung. Die kurze Zeit später ein junger Mann mit langem Zopf, Kappe und martialisch tätowierten Armen am Eingangstor der stillgelegten Fuchs-Zeche unbeeindruckt beerdigt. Das Museum habe geschlossen. Wegen Umbau. Morgen und übermorgen auch. Also eigentlich bis ins nächste Jahr. Wir verhandeln in Englisch – hier spricht offensichtlich niemand unter fünfzig Deutsch –, ich zeige ihm das Foto meines Urgroßvaters, starte eine Charmeoffensive. Alles umsonst. Der Wachmann bleibt so unbeeindruckt wie der Security-Chef, der die VIP-Betreuung von Till Lindemann in Wacken verantwortet. Tausend Kilometer mit der Bahn aus Deutschland gekommen? Selbst wenn ich vom Mond angereist wäre, hätte es keinen Unterschied für ihn gemacht. Ich soll nächsten Sommer wiederkommen, rät er mir und stapft zurück ins Wächterhäuschen hinterm Schlagbaum. Einfach mal im Internet gucken, ruft er mir noch zu, wann das Museum wieder öffnet. Guter Rat, denke ich, denn im Internet steht nicht drin, dass die Zeche wegen Umbau geschlossen ist. Aber auf den Tourismusseiten von Waldenburg wird ja auch noch das Hotel "Sudety", das kurz vorm Abriss steht, zur Übernachtung empfohlen.

Polen wäre nicht Polen, wenn sich für mein Problem keine Lösung findet, überlege ich. Irgendwas ging mit meiner "Mischpoke" doch auch immer. Also trabe ich unbeirrt am Zaun entlang und stelle fest, dass nicht nur in Hessen Kabeldiebe ihr Unwesen treiben. Je mehr ich mich durch hüfthohes Grün den Werkhallen annähere, umso dramatischer wirkt der Verfall der Zeche. Die Natur erobert sich erbarmungslos die verlassene Anlage zurück. Als ich zum Fotografieren über eine verrostete Turbine klettere, flüchtet ein Rudel erschreckter Heuschrecken ins Gras. Und über meinem Kopf steigt zornig pfeifend ein erboster Mauersegler ins wolkige Blau. Zwei weiße Falter gaukeln um mich herum. Ich will die Karte von Frau Buniewicz im Handy aufrufen, doch der Empfang hier im Nirgendwo von Südschlesien erweist sich durchaus noch als ausbaufähig. Wie lange würde es dauern, bis mich jemand hier unten in den Gruben einer stillgelegten Zeche kurz vor der polnisch-tschechischen Grenze suchen würde?

 

Als ich das Zimmer im Hotel "Maria Helena" in Szczawno-Zdrój (Bad Salzbrunn) übers Internet gebucht habe, wusste ich nicht, dass meine Familie gerade hinter der nächsten Straßenbiegung in der Bahnhofstraße 8 im Gartenhaus gelebt hatte. Die rote Backsteinvilla mit ihrer großen Freitreppe in den vorderen Garten hat mit Geranien und Vergissmeinnicht die Zeitläufte unbeschadet überstanden. Auch die Post neben der Villa ist immer noch in Betrieb. Nur das Hinterhaus mit den Kaninchenställen ist zwei modernen Einfamilienhäusern gewichen. Klingt vielleicht seltsam, aber ich finde innerlich keinen Bezug zu diesem Ort. Muss auch nicht sein, denke ich und überquere gut gelaunt die Straße Richtung "Schlesischer Hof".

Das ehemalige Grandhotel wurde von 1909 bis 1911 von Graf Hans Heinrich XV. von Hochberg, dem dritten Fürsten von Pleß, und seiner Frau Daisy, errichtet. Heute beherbergt der imposante Bau ein Sanatorium. Das "Dom Zdrojowy" scheint ausgebucht zu sein, denn an nahezu allen gusseisernen Balkonen flattern die bunten Handtücher der Kurgäste. Die schwere Holzdrehtür befördert mich quietschend zurück ins letzte Jahrhundert. Eine prachtvolle Eingangshalle, Stuck, Marmorkamine, bis an die Decke reichende Spiegel und ein ungewöhnlicher Kristallleuchter aus der Jugendstilzeit erinnern an eine längst vergangene Zeit.

 

Über einen purpurroten, leicht abgewetzten Teppich, dessen tiefer Flausch zwischen stilisierten Lilien all meine Schritte schluckt, schreite ich durch zwei weit geöffnete Flügeltüren nach draußen. Hier also hat sich die wilhelminische Gesellschaft nach dem Golfspiel zum Tee getroffen. Ganz allein stehe ich auf der Terrasse. Zwei Gärtner rechen unten im Park frisch gemähtes Gras zusammen. Eigentlich ein Idyll. Eigentlich. Wenn da nicht die braunen Flecken wären. Und damit meine ich nicht die sichtbaren, die das Regenwasser an einigen Stellen im ockerfarbenen Putz hinterlassen hat. "Sanatorium Göringa" steht als Bezeichnung für die Zeit bis 1945 auf der in Polnisch verfassten Tafel im Seitenflur zum Frühstücksraum.

 

In den "Hidden Places" im Internet ranken sich unglaubliche Mythen um den "Schlesischen Hof". Fakt ist jedoch, dass hier Hitlers Wehrmachtsgeneräle bis zur Flucht am 12. Februar 1945 vor der Roten Armee residiert haben. Der gesamte Komplex hat eine Breite von etwa hundert Metern. Zwischen den Seitenflügeln der Kurklinik soll sich noch heute ein Bunker unter dem Park befinden. Als sich der Luftkrieg 1943 zuzuspitzen begann, hatte man in Berlin nach einem Ausweichquartier für den Führer zu suchen begonnen. In die Planungen wurde damals auch "Zamek Książ", das acht Kilometer von Bad Salzbrunn entfernte Schloss Fürstenstein der Familie Pleß, einbezogen. Und zur Realisierung des gigantischen Bauvorhabens mehr als zwanzigtausend der 125.000 Häftlinge des nahe gelegenen KZs Groß-Rosen hierher in Außenlager verschleppt. Arbeit machte damals ja bekanntlich "frei". Die letzten Überlebenden dieser deutschen Mordmaschinerie hat jedoch erst die Rote Armee befreit. Auf den Stufen des "Dom Zdrojowy" wirkt die Parklandschaft knapp siebzig Jahre später unglaublich friedlich. Heilt Zeit wirklich alle Wunden? Ich lasse ratlos mein kleines Samsung sinken und blinzele in die untergehende Abendsonne. Aus dem linken Seitenflügel wehen Gesangsfetzen eines Alleinunterhalters, untermalt von einer einsam quäkenden Hammondorgel. Kurkapelle statt Marschmusik. Auch wenn der ein oder andere Ton nicht getroffen wird, ist es mir so lieber. Da der Onkel kein Handy hat, schreibe ich ihm auf den Stufen des „Schlesischen Hofs“ eine Postkarte. Und hoffe, dass ihn der Gruß aus seiner alten Heimat erfreut.

Für die letzte Station meiner Reise habe ich ein Zimmer auf Schloss Fürstenstein gebucht. Im April 1944 hatte die "Organisation Todt", die für das Geheimprojekt "Führerhauptquartier Riese" verantwortlich zeichnete, das prachtvolle barocke Schloss als Dienstsitz bezogen. Und ganz im Sinne ihres Führers "umgebaut". Also Terrassen und Wasserleitungsanlagen zerstört, Granitportale herausgerissen, Stukkaturen und Fresken abgeklopft und Möbel sowie Gemälde geraubt. Das Haus sollte schließlich ein für die Naziarchitektur charakteristisches Aussehen erhalten.

 

Unter "Zamek Książ" wurden enorme Tunnel mit einer Gesamtlänge von bis zu zwei Kilometern gegraben. Das heißt, Kriegsgefangene und Häftlinge des KZs Groß-Rosen mussten diese unter irrsinnigen Bedingungen in die Felsen treiben. Im Ehrenhof mit seinem repräsentativen Haupteingang wurde ein fünfzig Meter tiefer Schacht angelegt. Von dort sollte später ein Aufzug in die unterirdischen Höhlen und Katakomben führen. Mehr als ein Erdtrichter war jedoch bis zur Besetzung der Roten Armee im Mai 1945 nicht zustande gekommen. Was für eine sinnlose Barbarei, denke ich fassungslos beim Betrachten der vergilbten Fotos in den Korridoren des Schlosses und schließe mich im zweiten Stock einer deutschsprachigen Reisegruppe an.

Gerüchten zufolge haben die Nazis den spätbarocken "Konradsaal" auch deshalb entkernt, um dort "nach dem Endsieg" das Bernsteinzimmer zu installieren, plaudert der Gästeführer. Im ehemaligen Ballsaal hat das Oberkommando der Wehrmacht den wundervollen Stuck an der Decke abschleifen lassen, um diese anschließend mit einer drei Meter tieferen, einfachen Holzvertäfelung abzuhängen. Was mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass niedrige Decken und Denkvermögen schon früher in enger Korrelation zueinander gestanden haben. Die Köpfe der Besuchergruppe recken sich nach oben. "Wie das hier aussieht!", raunt eine grau melierte Frau ihrem eifrig nickenden Nachbarn empört zu. Wie das hier aussieht!“ erinnert mich an den Film "Sonnenallee“, als Onkel Heinz in typisch westdeutscher Manier beim Besuch der Ost-Verwandtschaft im Plattenbau pikiert mit dem Fingernagel an der Tapete kratzt und triumphierend „Asbest!“ trompetet. "Ja, wie sieht‘s hier wohl aus?", frage ich die Frau, die irritiert ist, weil ich sie verstanden habe. "So sieht‘s halt aus, wenn Onkel Adolf nicht auf Barock steht!", zwinkere ich ihr verschwörerisch lächelnd zu. Und ernte zutiefst betretene Blicke gepaart mit giftigem Zischeln. Es ist nicht immer leicht, Deutsche zu sein, seufze ich.

 

Umso mehr erfreue mich am opulenten Barock des Maximiliansaals, den die Schergen der Operation Todt nahezu unangetastet gelassen haben. Beim Fotografieren der vergoldeten Balkone fürs Hoforchester lerne ich David und seine Mutter kennen. Sie sind wie ich auf Spurensuche, und wir sind uns spontan sympathisch. Gemeinsam lassen wir den Tag am Grillstand über den zauberhaften Wasser- und Rosenterrassen ausklingen. Und tauschen angeregt Eindrücke und Erfahrungen mit unseren schlesischen Wurzeln aus.

Die beiden wollen am nächsten Morgen weiter, hoch auf die Schneekoppe, bevor es für sie zurück, Richtung Westen, nach Hause geht. Ich will vor der Heimfahrt nach Frankfurt in den Stollen von Fürstenstein den Glücksfelsen mit meiner linken Hand berühren. Als die Sonne am Abend in einem blutroten Farbenrausch hinter Artemis und Apollo am Horizont versinkt, habe ich längst meinen Frieden mit der schlesischen Vergangenheit meiner Oma gemacht. Ja, der Onkel hatte recht gehabt. Es ist wirklich wunderschön hier in Polen. Aber meine Heimat ist trotzdem ganz woanders.